"Trink' aus, wir gehn'"

Einleitend ist zu sagen, dass sich dieser Bericht von hinten nach vorne geschrieben hat. Es erschien uns logischer, da wir ebenfalls die Geschehnisse von hinten rekapituliert haben. Warum sollten wir also den Kursfahrtsbericht nicht in genau dieser Weise verfassen, wie es uns die Intuition vorgegeben hat? Wir werden den Leser also jetzt in unsere Geschichte einbeziehen, und die "abgeknipsten" Situationen möglichst authentisch darstellen.
Die Rückfahrt ist die Station an der wir beginnen. Nach dem Einsteigen in den Zug, der uns in den nächsten sechs bis sieben Stunden zurück nach Frankfurt/Main bringen soll, wird das restliche, hervorragend schmeckende tschechische Bier verköstigt. Die Grenzbeamten können uns auch nicht mehr abschrecken und Dimitars Spende in Form von „Wodka Absolut Mandarine“, glaub´ ich, gerät in die Finger der Allgemeinheit der Schüler... .
Dies nur als Beschreibung, was auf der Zugfahrt fortgesetzt wurde. Als nächstes folgt ein, „pars pro toto“, ein bestmöglich rekonstruierter Tag im Leben des Geschi-Leistungskurses in Prag:
Das kulturell bildende Programm wurde von "Olga aus der Wolga" (an den richtigen Namen dieser Person kann sich der hier Schreibende nicht mehr erinnern), der Reiseführerin, geleitet. Nach der ersten Stunde schlich sich der Verdacht ein, sie wolle uns lediglich Kaufhäuser und Discos zeigen, die wir am besten gleich, spätestens aber am Abend aufsuchen sollten. Frau Schade sorgte dann doch in einem Gespräch mit ihr dafür, dass wir als angehende Abiturienten ein ernsthaft bildendes Programm geboten bekamen. Dies versuchte Olga, so gut es eben ging. Das Credo des Geschichtskurses bezüglich Olga war, dass sie vermutlich alle Westeuropäer hasste.
Nach dem mit Bildung, allgemeiner und historischer Art, angereicherten Vormittag, war im Mittagessen angesagt, was durchweg Gulasch mit Knödeln war, weil es soooo gut schmeckte. Der Nachmittag setzte das Programm des Vormittages fort. Am späten Nachmittag kehrten wir stets ins Hotel "Brilliant" zurück, wo dann Relax und Chill Out angesagt war. Letzeres fand im Mädchenzimmer 214 statt, wo zwar ausschliesslich Nichtraucher wohnten, die Luft jedoch nach ca. zwölf Minuten rauchgeschwängert war. Auch die sonst legal erwerbbaren Genußmittel - Staropramen, Budweiser, Pilsner Urquell und sämtliche Sorten Wodka - waren in ausreichenden Mengen bereits vertreten, wurden jedoch in der Regel nur mit Vorsicht genossen, da der Abend noch bevorstand.... .
Zum Abendessen traf man sich stets, hier allerdings nur das einzige Mal des letzten Abends in der nahegelegenen Satellitenstadt Prags. Dort war ein dörflicher Gastronomiebetrieb zu finden, in den wir mit einigem Mut hineingingen und uns inmitten der Einheimischen setzten, die uns primär eher mürrisch betrachteten, nach einer gewissen Zeit aber scheinbar vergaßen.
Die Halbliterbierkrüge schienen obligatorisch für jeden, der sich dort aufhielt, zu sein, da die Bedienung sie scheinbar schon bei unserem Eintreten fertiggemacht hatte und sie uns direkt brachte. Das Essen war toll - wie soll es auch anders sein bei Gulasch und Knödeln. Allerdings war die Bestellung nur mit Dimitars Hilfe möglich, da es in diesem Lokal keine Übersetzung der Mahlzeiten gab wie in der Innenstadt.
An besagtem Ort vollführte sich dann auch der emotionale Ausbruch der Gruppe. Alle waren happy und zufrieden, äußerten sich diesbezüglich und schienen beinahe zu Tränen gerührt zu sein. Die Rechnung eröffnete uns den Preis für die Mahlzeit von damals 2,50 DM, das Bier nur ca. 0,30DM (0,5l).
Aber kommen wir nun zur Klimax: dem Abend.
Ein abendliches Treffen fand stets im Party-Zimmer 219 statt, Inhaber Elly und Dimmi. Dort versammelt, konnte man sich denken, was getan wurde. Richtig! Man versuchte durch den individuell gewählten Weg (B/W), Abstand zu den Erlebnissen des Tages zu gewinnen, um einen objektiveren Blick zu erhalten, der für einen Historiker ja nicht wegzudenken ist.
Auf die Anfangsphase folgte heitere Stimmung mit Musik, Tanz, Randale und lustigen Aktionen einzelner, sowie Konversation. Mitten in diesem Zustand allgemeiner Glückseligkeit schellte plötzlich das Telefon. Jemand ging ran und hörte Frau Schade am anderen Ende der Leitung, die scheinbar etwas verunsichert, nach Dimitar fragte. Dreißig Sekunden vergingen, ohne dass der "Telefonmann" reagierte - dann wurde das Telefon an Dimitar übergeben, der von Frau Schade gefragt wurde, ob alle Schüler da seien. Natürlich waren wir da, wir waren doch schon alle mehr als gut dabei!
An einem Abend konnte man zu später Stunde noch Philipp an der Rezeption finden, der die Rzeptionistin nach einem etwaigen Einbruch inklusive Diebstahl in seinem Zimmer befragte. Leider können wir nur das Ende des Dialogs nacherzählen, das ungefähr so verlief:
R: "Is there something stolen?"
P: "No I don´t know, I have to ask...- Ah Alex, is there something stolen? Do you have your Key?"
A: "Philipp, du kannst auch auf Deutsch mit mir reden, aber ja, ich habe alles."
R: "Is there something stolen"
P: "If there´s something stolen... it´s ok."
R: "I think you´re drunken, you are very, very drunken!"
P: "Yes! -kommt wir gehn."
Im Verlauf des Abends schliefen alle nach und nach in ihrer Trinkpose ein, nur die Leviathane Martina, Philipp und Thomas nicht, die auf der Suche nach Stimmung waren. Erst versuchten sie ihre Mitschüler durch lautes Singen zu wecken, wechselten dann jedoch das Stockwerk und suchten sich ein Zimmer aus, an dem sie klopfen, eintreten, die Ruhrpottidioten treffen, denen Bier klauen, sich mit ihnen gezwungenermaßen über Fußball unterhalten und dann wieder gehen konnten. Aber auch die Leviathane wurden müde, und irgendwann schliefen auch sie ein.
Auf der Hinfahrt hat ein Teil des Kurses geschlafen, bis auf die, die sich vor Lammknochen tragenden, schwarzgekleideten Menschen aus Giessen in acht nehmen mussten. Diese Zeit des Wachens konnte man sich mit Lektüre über Prag oder Kassetten, die Novellen Kafkas nachgespielt waren, versüßen.


Thomas Schimmer